Die Enttarnung von Elena Ferrante aus presserechtlicher Sicht

Jour­na­lis­ten haben (angeb­lich) die Iden­ti­tät von Ele­na Fer­ran­te gelüf­tet. Es soll sich um eine deutsch-ita­lie­ni­sche Über­set­ze­rin, even­tu­ell im Kol­lek­tiv mit ihrem Ehe­mann, han­deln. Die Reak­tio­nen rei­chen vom Eigen­lob der Ent­hül­len­den bis zu star­ker Ableh­nung („sen­sa­ti­ons­lüs­tern“, „Akt der Gewalt“). Um die Iden­ti­tät der Best­sel­ler­au­torin zu klä­ren, haben die Jour­na­lis­ten angeb­lich Ver­lags­ab­rech­nun­gen und Grund­buch­aus­zü­ge unter­sucht. Aber wie weit geht eigent­lich das Recht einer Per­son uner­kannt zu blei­ben? Oder anders gesagt „Durf­ten die das?“

Vierzig Jahre alte, eindeutige Rechtsprechung

Das Recht auf freie Ent­fal­tung der Per­sön­lich­keit und die Men­schen­wür­de sichern jedem Ein­zel­nen einen auto­no­men Bereich pri­va­ter Lebens­ge­stal­tung, in dem er sei­ne Indi­vi­dua­li­tät ent­wi­ckeln und wah­ren kann. Hier­zu gehört auch das Recht, in die­sem Bereich „für sich zu sein”, „sich sel­ber zu gehö­ren”, ein Ein­drin­gen oder einen Ein­blick durch ande­re aus­zu­schlie­ßen.

BVerfG, Urt. v. 05.06.1973 – 1 BvR 536/72, BVerfGE 35, 202 – Lebach-Fall.

Jeder­mann darf grund­sätz­lich selbst und allein bestim­men, ob und wie­weit ande­re sein Lebens­bild im gan­zen oder bestimm­te Vor­gän­ge aus sei­nem Leben öffent­lich dar­stel­len dür­fen. Nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des BVerfG steht frei­lich nicht der gesam­te Bereich des pri­va­ten Lebens unter abso­lu­tem Schutz. Wenn der Ein­zel­ne als ein in der Gemein­schaft leben­der Bür­ger in Kom­mu­ni­ka­ti­on mit ande­ren tritt, durch sein Sein oder Ver­hal­ten auf ande­re ein­wirkt und dadurch die per­sön­li­che Sphä­re von Mit­men­schen oder Belan­ge des Gemein­schafts­le­bens berührt, kön­nen sich Ein­schrän­kun­gen sei­nes aus­schließ­li­chen Bestim­mungs­rechts über sei­nen Pri­vat­be­reich erge­ben, soweit die­ser nicht zum, unan­tast­ba­ren inners­ten Lebens­be­reich gehört, so das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt in der zitier­ten Ent­schei­dung wei­ter.

Das heißt, dass der Mensch, als Wesen, das natur­ge­mäß in irgend­ei­ner Form sozi­al inter­agiert und nicht unsicht­bar ist, kann nicht voll­stän­dig davor geschützt sein, dass sein Dasein und Tun bemerkt wird. Zudem genießt auch die Pres­se eige­ne Rech­te, denn gemäß Art. 5 Abs. 1 S. 2 GG herrscht Pres­se­frei­heit, dazu hat jeder das Recht sich aus all­ge­mein zugäng­li­chen Quel­len unge­hin­dert zu unter­rich­ten und spä­ter hier­über zu berich­ten.

Weil die­se bei­den, sich zuweil wider­spre­chen­den Rech­te – der Schutz vor Ent­hül­lung und das Recht auf Bericht­erstat­tung – aber irgend­wie in Ver­hält­nis gesetzt wer­den müs­sen, nimmt man eine Güter- und Inter­es­sen­ab­wä­gung vor.

Der hohe Rang des Rechts auf freie Ent­fal­tung und Ach­tung der Per­sön­lich­keit gebie­tet, dass dem aus einem sol­chen Inter­es­se erfor­der­lich erschei­nen­den Ein­griff [also z.B. der Bericht­erstat­tung] stän­dig das Schutz­ge­bot des All­ge­mei­nen Per­sön­lich­keits­rechts als Kor­rek­tiv ent­ge­gen­ge­hal­ten wird. Dem­entspre­chend ist durch Güter­ab­wä­gung im kon­kre­ten Fall zu ermit­teln, ob das ver­folg­te öffent­li­che Inter­es­se [an der Bericht­erstat­tung] gene­rell und nach der Gestal­tung des Ein­zel­falls den Vor­rang [vor dem Schutz des Ein­zel­nen] ver­dient, ob der beab­sich­tig­te Ein­griff in die Pri­vat­sphä­re nach Art und Reich­wei­te durch die­ses Inter­es­se gefor­dert wird und im ange­mes­se­nen Ver­hält­nis zur Bedeu­tung der Sache steht.

BVerfG, Urt. v. 05.06.1973 – 1 BvR 536/72, BVerfGE 35, 202 – Lebach-Fall.

Als Hilfs­mit­tel für die­se Güter- und Inter­es­sen­ab­wä­gung hat die Recht­spre­chung die Zuord­nung der wah­ren Tat­sa­chen aus bestimm­ten Berei­chen die Sphä­ren­theo­rie ent­wi­ckelt.

  • Tat­sa­chen der Öffent­lich­keits­sphä­re sind sol­che, die der Betrof­fe­ne bewusst in die Öffent­lich­keit trägt. Sol­che genie­ßen den gerings­ten Schutz.
  • Die Sozi­al­sphä­re ist der Bereich, in dem sich ein Mensch als „sozia­les Wesen“ bewegt. Sie umfasst den Men­schen in sei­nen Bezie­hun­gen zur Umwelt, ins­be­son­de­re in sei­nem beruf­li­chen, poli­ti­schen, ehren­amt­li­chen Wir­ken und Auf­tre­ten und in sei­ner sons­ti­gen öffent­li­chen Tätig­keit. Die Sozi­al­sphä­re genießt zwar kei­nen der­art umfas­sen­den Schutz wie die Pri­vat­sphä­re oder gar die Intim­sphä­re, dem gren­zen­lo­sen Zugriff der Öffent­lich­keit aus­ge­setzt ist sie aber auch nicht.
  • Die Pri­vat­sphä­re wird räum­lich und gegen­ständ­lich erfasst. Räum­lich ist der Bereich geschützt, in dem der Ein­zel­ne zu sich kom­men, sich ent­span­nen und auch gehen las­sen kann. Gegen­ständ­lich sind sol­che Din­ge geschützt, die auf Grund ihres Infor­ma­ti­ons­ge­halts typi­scher­wei­se als pri­vat ein­ge­stuft wer­den. Die Offen­le­gung sol­cher Tat­sa­chen ist in der Regel ohne Zustim­mung des Betrof­fe­nen unzu­läs­sig.
  • Abso­lu­ten Schutz genießt die Intim­sphä­re (inne­re Gedan­ken- und Gefühls­welt, Sexu­al­be­reich), eine Bericht­erstat­tung über sol­che Vor­gän­ge ist stets unzu­läs­sig.

Atze” und Elena Ferrante

Clau­dio Gat­ti, Jour­na­list bei der „Il Sole 24 Ore“ und „Chef­er­mitt­ler“, argu­men­tiert jedoch, dass Fer­ran­te durch ihre Best­sel­ler eine öffent­li­che Per­sön­lich­keit gewor­den sei, „ja man kann sie sogar als die bekann­tes­te Ita­lie­ne­rin der Welt bezeich­nen“, und daher sei sei­ne Recher­che gerecht­fer­tigt. Außer­dem habe sie durch erfun­de­ne Anga­ben zu ihrer Bio­gra­fie in Inter­views jedes Recht ver­wirkt hin­ter ihren Büchern zu ver­schwin­den.

Eine sol­che öffent­li­che Per­sön­lich­keit wäre Ele­na Fer­ran­te bzw. der Mensch hin­ter dem Pseud­onym aber nur gewor­den, wenn sie auf­grund ihrer Stel­lung oder Akti­vi­tät in der Öffent­lich­keit, in die­sem Fall vor allem wegen ihres Werks, im Blick­punkt zumin­dest eines Teils der Öffent­lich­keit steht. Klar, sagt man jetzt, die Frau ist Best­sel­ler­au­torin, ihre Bücher wer­den auch wegen des Geheim­nis­ses um ihre Iden­ti­tät der­art gut ver­kauft und das gesam­te Feuil­le­ton rät­selt.

Bevor man aller­dings vor­schnell schließt, dass das Auf­de­cken der Iden­ti­tät recht­mä­ßig erfolg­te, soll­te man beden­ken, dass Fer­ran­te über Jah­re sehr kon­se­quent zwar nicht ihr Werk, aber ihre Per­son geheim gehal­ten hat. Soll­te die Öffent­lich­keit nicht nur für die Tei­le bestehen, die man selbst eröff­net hat? Die Autorin hat zum Aus­druck gebracht, dass sie pseud­onym blei­ben möch­te, hat sogar gedroht, nicht mehr zu schrei­ben, soll­te sie ent­tarnt wer­den. Sie hat sich bewusst in Bezug auf ihre Iden­ti­tät in eine „Geheim­nis­sphä­re“ bege­ben.

Und deren Geheim­nis­schutz kann dann sogar die tat­säch­li­che Iden­ti­tät eines Künst­lers erfas­sen, der als sol­cher auch in der Öffent­lich­keit auf­tritt, wenn die­ser sei­ne künst­le­ri­sche Tätig­keit kon­se­quent nur unter Künst­ler­na­men aus­übt. Ein Bei­spiel hier­für ist Atze Schrö­der. Der Come­di­an heißt anders und sieht auch anders aus als die Per­son, die er als „Atze“ dar­stellt. Das schützt weder „Atze“ noch „Ele­na“ davor, ihre wah­re Iden­ti­tät gegen­über Behör­den oder Ban­ken offen­zu­le­gen, schränkt aber ihren Schutz gegen­über der Pres­se nicht ein. Daher hat das LG Ber­lin kon­se­quen­ter­wei­se auch die Ent­tar­nung von Atze Schrö­der ver­bo­ten (LG Ber­lin, Urt. v. 24.02.2005 – 27 O 26/05).

Für Ele­na Fer­ran­te kann nichts ande­res gel­ten. Nach deut­schem Recht bewegt sich die Ent­hül­lung daher auf sehr dün­nem Eis. Aber der Stein ist schon im Rol­len und es bleibt abzu­war­ten, ob die Ent­tarn­te gegen die­se Ent­hül­lun­gen vor­geht und damit natür­lich deren Rich­tig­keit bestä­tigt und zemen­tiert, vor allem, ob sie nun das Schrei­ben ein­stellt.

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